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  • johannes rauch

Impfpflicht? Impfpflicht!

Warum es nicht anders geht


Ich war dagegen. Immer.

Impfungen, dieser Ansicht bin ich nach wie vor, sind höchstpersönliche Angelegenheiten, Eingriffe in den eigenen Körper, die vorzunehmen im Prinzip keiner staatlichen oder sonstigen Macht zusteht.

Österreich, das bestätigen uns alle Medizinhistoriker:innen, die sich in den letzten 20 Monaten zu Wort gemeldet haben, hat hinsichtlich der Schutzimpfungen schon immer eher auf Freiwilligkeit und Aufklärung sowie, wenn es gar nicht anders ging, auf indirekten Impfdruck gesetzt – die Impfung war also die Voraussetzung für den Schuleintritt, den Erhalt eines Stipendiums oder für bestimmte Berufswahlen. Die Ausläufer dieser historischen Strategie finden sich noch heute im Mutter-Kind-Pass.


Wir haben es zehn Monate lang mit Freiwilligkeit und Aufklärung versucht, und das Resultat ist niederschmetternd. Statistisch betrachtet, sind von 30 Personen, die Ihnen in einem Bregenzer oder Feldkircher oder Bürser Supermarkt begegnen, elf nicht geimpft. Die Impfquote in Vorarlberg beträgt zum heutigen Tag 63,45 % – trotz umfangreicher und breit kommunizierter Impfmöglichkeiten und des bereits vor mehr als einer Woche eingeführten 2G-Nachweises in der Gastronomie und bei körpernahen Dienstleistungen. Dieser niedrige Prozentsatz erschüttert mich zutiefst.

Die 7-Tages-Inzidenz unter Vorarlberger Kindern zwischen 5 und 14 Jahren ist auf mittlerweile 2.635 geklettert, und selbst bei den bisher glücklicherweise wenig anfälligen unter 5-jährigen Kindern ist diese Kennzahl mittlerweile auf 683 angestiegen. Diese eher nüchtern klingenden Zahlen bedeuten, dass sich in den letzten sieben Tagen fast drei Prozent der Vorarlberger Kinder mit dem Virus infiziert haben. Grob gesprochen, jedes dreißigste Kind in Vorarlberg. In der letzten Woche.

Unsere Kinder: Das sind die Menschen, die noch nicht selbst entscheiden können, ob sie sich mit einer Impfung gegen das Virus schützen lassen wollen, und für die es im Moment noch keine Impfstofffreigabe durch die Europäische Arzneimittelagentur gibt. Das sind die Menschen, für die wir, die erwachsenen, volljährigen, zurechnungsfähigen Bürger:innen dieses Bundeslandes, die Verantwortung tragen. Das sind die Menschen, die völlig ungeschützt vor dem Covid-19-Virus jenen 36,55 % der Vorarlberger Bevölkerung ausgesetzt werden, die sich noch nicht haben impfen lassen.


Diese Zustände können wir nicht achselzuckend hinnehmen. Daher brauchen wir die Impfpflicht.


Am heutigen Tag liegen 17 Covid-19-Patient:innen auf Vorarlberger Intensivstationen, 14 von ihnen sind nicht geimpft. 19 weitere Menschen werden mit anderen Erkrankungen intensivbetreut, zurzeit stehen 32 Intensivbetten zur Verfügung. Zum Glück verfügen wir über ein dermaßen gut ausgestattetes Gesundheitssystem. Doch angesichts der Prognosen für die kommenden Wochen dürfen die Alarmglocken gar nicht mehr aufhören zu schrillen: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 84 % werden am 1. Dezember ein Drittel, mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % die Hälfte der Vorarlberger Intensivbetten von Covid-19-Patient:innen belegt sein. Tritt dieser Fall ein, haben wir die Grenzen der Leistungsfähigkeit unserer Krankenversorgung erreicht. Die Covid-Pandemie, die bereits grassierende Grippewelle und die, statistisch gesprochen, unvermeidlichen Skiunfälle der anlaufenden Wintersaison werden gemeinsam für (und ich verwende dieses Wort nicht leichtfertig) katastrophale Zustände in den Vorarlberger Krankenhäusern sorgen. Das bedeutet auch, dass jene Personen, die seit knapp zwei Jahren über Gebühr beansprucht werden – Ärzt:innen, Pfleger:innen, Therapeut:innen –, ein weiteres Mal ihre Belastungsgrenzen erreichen und überschreiten werden (müssen).


Diese Zustände können wir nicht achselzuckend hinnehmen. Daher brauchen wir die Impfpflicht.


Ja, auch geimpfte Personen können an Corona erkranken. Doch erstens verläuft die Krankheit für Geimpfte zumeist weit weniger schwer als für Ungeimpfte, zweitens sind geimpfte Menschen wesentlich weniger lang potenzielle Überträger:innen des Virus als ungeimpfte Menschen, und drittens kann ich auch an dieser Stelle nur die bereits geimpfte Bevölkerung auffordern, sich unbedingt die Auffrischungsimpfung verabreichen zu lassen, da diese den Schutz vor der Krankheit noch einmal deutlich erhöht. Im Klartext: Die Verantwortung endet nicht mit dem zweiten Stich. Alle haben gehofft, die Wirkung von zwei Impfungen halte zumindest ein Jahr. Tut sie nicht. Nach spätestens sechs Monaten braucht es eine neuerliche Impfung. Nur so hat Israel es geschafft, aus dem Lockdown-Kreislauf herauszukommen. Aber auch Daten aus Spanien und Portugal zeigen: Eine hohe Impfquote schützt vor dem Lockdown aufgrund der vierten Welle.


Nun lässt sich einwenden, dass die Impfpflicht ein zahnloser Tiger sei, weil viele Menschen sich trotzdem nicht impfen lassen wollen. And yet. Normen wie die Impfpflicht funktionieren ja nur in den seltensten Fällen aufgrund der Sanktionen, die bei Nichtbefolgung drohen, sondern vielmehr deshalb, weil die Mitglieder einer Gesellschaft von den jeweils anderen Mitgliedern der Gesellschaft die Einhaltung der Norm erwarten (dürfen). Wer bei Rot über die Ampel fährt oder geht, dem droht eine Strafe, weil dieses Verhalten gegen die Norm verstößt, dass Verkehrsteilnehmer:innen bei Rot stehenzubleiben haben. Doch ich wage zu behaupten, dass die meisten Menschen vor einer roten Ampel nicht aus Angst vor der Strafe anhalten, sondern weil sie andere nicht gefährden wollen.


Im Übrigen, und dieses Argument werden die Gegner:innen der Maßnahme noch öfter hören, ist die Impfpflicht nichts kategorisch Neues. Am 30. Juni 1948 beschloss der junge österreichische Nationalrat ein Bundesgesetz über Schutzimpfungen zu Pocken, das im Sommer 1948 in Kraft trat. Dieses Gesetz sah eine allgemeine Pflicht vor, sich gegen Pocken immunisieren zu lassen, und drohte bei Nichteinhaltung mit einer Strafe von bis zu 1.000 Schilling. Es ist nicht bekannt, wie viele Verfahren wegen Verstößen gegen die Impfpflicht geführt wurden. Zu vermerken ist jedenfalls: Es gab keine Zwangsimpfung.

Nachdem die WHO im Jahr 1967 eine weltweite Impfpflicht gegen die Pocken vorgeschrieben hatte, stellte sie 13 Jahre später fest, dass die Maßnahme gewirkt hatte und die Pocken ausgerottet waren. Mit 1. Jänner 1981 hob der österreichische Nationalrat daher das Bundesgesetz über Schutzimpfungen zu Pocken auf.


Klar, wir müssen abwägen. Hier das hohe Gut der persönlichen Freiheit, da das hohe Gut des Schutzes der Gesellschaft. Doch mittlerweile gefährdet das Beharren von über 35 % der Vorarlberger:innen auf individualistischen, libertären – ich könnte auch sagen: egozentrischen – Standpunkten nicht nur den Zusammenhalt in der Gesellschaft, ihr Verhalten setzt außerdem Kinder und Kranke – also jene Menschen, die sich medikamentös nicht zur Wehr setzen können – unzumutbaren Risiken aus. Dafür hat die Delta-Variante des Covid-19-Virus gesorgt.

Außerdem hege ich den Verdacht, dass die Gründe, sich nicht impfen zu lassen, mittlerweile weniger medizinischer als oft politischer Natur sind. In Deutschland, das belegt eine Forsa-Umfrage, bekennt sich mehr als die Hälfte derer, die noch ungeimpft sind, zur AfD, weitere 15 Prozent rechnen sich der sogenannten „Querdenker“-Partei „Die Basis“ zu, die bei der letzten Bundestagswahl gerade einmal 1,4 Prozent der Stimmen erhielt. Diesen Menschen geht es nicht um virologische Skepsis, sondern um den Widerstand gegen „das System“. Mir sind keine entsprechenden Zahlen aus Österreich bekannt, aber ich befürchte, die Sachlage sieht hierzulande nicht viel anders aus.


Der deutsche Publizist Sascha Lobo hat unlängst einen Artikel auf spiegel.de veröffentlicht, den ich Ihnen ans Herz lege, wenn Sie unsicher sind, ob Sie sich angesichts der dramatischen Entwicklungen impfen lassen sollen (oder wenn Sie für Gespräche in Ihrem Umfeld Fakten und Argumente benötigen). Lesen Sie ihn, und suchen Sie die nächste Impfstation auf. Warten Sie nicht, bis die gesetzliche Vorschrift da ist.

Ihrem Leben zuliebe, unserer Gesellschaft zuliebe, unseren Kindern zuliebe.


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