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"Es gibt Krisenzeiten, in denen nur das Utopische realistisch ist."
(George Steiner)
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Zum 77. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Josef Wolfgang war ein ehrenwerter Mann. Ein Hohenemser Kaufmann, seit 1933 Ortsgruppenleiter der NSDAP in der Marktgemeinde. 1938, kurz nach dem „Anschluss“, wurde Wolfgang Bürgermeister von Hohenems.[1]

Am 12. Juli 1940 schrieb Bürgermeister Wolfgang einen Brief an den Landrat des Kreises Feldkirch. Die einstmals große jüdische Gemeinde von Hohenems existierte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, ihre Mitglieder waren geflohen, vertrieben oder nach Wien verbracht worden. Frieda Nagelberg, 50 Jahre alt, geboren in Stryj in Galizien, war vermutlich die letzte in Hohenems verbliebene Jüdin, und Wolfgang wollte auch sie loswerden, denn: „Wie bereits berichtet, lege ich größten Wert darauf, dass auch die letzte Jüdin das Land Vorarlberg verlässt, und wenn ihre Übersiedlung nach Wien an der Tragung der Fahrtkosten scheitern sollte, wäre ich bereit, dieselben zu übernehmen.“ Frieda Nagelberg wurde nach Wien deportiert. Am 9. April 1942 hatte sie sich am Wiener Aspangbahnhof einzufinden. Von dort fuhr an diesem Tag ein Deportationsgüterzug mit etwa 1.000 Insassen nach Izbica ab, eine Kleinstadt, gelegen im Distrikt Lublin des sogenannten Generalgouvernements. Keiner dieser Menschen überlebte. Frieda Nagelberg wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahr 1942 im Vernichtungslager Bełzec ermordet.[2]




Die Shoah, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, wäre undurchführbar gewesen ohne den Eifer lokaler Honoratioren, ohne die Willfährigkeit der lokalen Bevölkerung, auch und gerade in Österreich. Davon legt die neu gestaltete Ausstellung im Österreich-Pavillon des Konzentrationslagers Auschwitz eindrucksvoll Zeugnis ab.


Schon 2009 beauftragte die Republik Österreich den Nationalfonds, die Länderausstellung in Auschwitz neu zu entwickeln und zu gestalten, da die vorherige Präsentation sich vor allem auf Österreichs Opferrolle während des Nationalsozialismus konzentriert hatte und auf keiner Ebene mehr wissenschaftlichen, historischen und gestalterischen Anforderungen entsprach. Doch – wie so oft in Österreich – es dauerte. 2014 machte sich schließlich ein Team um den Salzburger Historiker Albert Lichtblau an die Arbeit, Anfang Oktober 2021 eröffneten Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka die neue Ausstellung, die nun einen sehr differenzierten Blick auf die Beteiligung von Österreicherinnen und Österreichern an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wirft.


Denn es gab eben nicht nur vereinzelte österreichische Sadisten wie Franz Murer, den „Schlächter von Wilna“, oder eiskalte Bürokraten des Mordes wie Adolf Eichmann oder Ernst Kaltenbrunner, den Leiter des Reichssicherheitshauptametes. Die Shoah war ein arbeitsteiliger Prozess, an dessen Durchführung zahlreiche österreichische Männer und Frauen beteiligt waren, von dem Kärntner Odilo Globocnik, der die sogenannte „Aktion Reinhard“ leitete, die Ermordung der Jüdinnen und Juden des Generalgouvernements, über den Salzburger Hermann Höfle, der als „Judenreferent“ in Lublin Globocniks wichtigster Mitarbeiter war, den Innsbrucker Architekten Walter Dejaco, der die Vernichtungsanlagen und Krematorien in Auschwitz-Birkenau plante, bis hin zum Hohenemser Bürgermeister Josef Wolfgang, dem es ein Anliegen war, auch noch die letzte Jüdin der Marktgemeinde nach Wien abzuschieben.


Rein wissenschaftlich betrachtet, ist die neue Österreich-Ausstellung im Block 17 des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau ein großer Wurf. Sie verdeutlicht das Grauen sowohl durch den Bezug auf die Täterinnen und Täter als auch auf die Perspektive der Opfer und vergisst auch nicht, auf die Keime der Zivilcourage und des Widerstandes hinzuweisen, die sich in Auschwitz regten. Harald Walser hat erst vor wenigen Monaten eine Monografie über die Krankenschwester Maria Stromberger vorgelegt, den „Engel in der Hölle von Auschwitz“, die 1957 in Bregenz starb.[3] Stromberger kollaborierte mit der internationalen „Kampfgruppe Auschwitz“, einem Zusammenschluss polnischer und österreichischer Lagerinsassen, der unter anderen Hermann Langbein und Alfred Klahr angehörten, und schmuggelte Aufzeichnungen über die Zustände im Lager nach Wien zu Hermann Langbeins Bruder Otto, der versuchte, die Weltöffentlichkeit hinsichtlich der Existenz des Vernichtungslagers aufzurütteln.


Heute vor 77 Jahren befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Über eine Million Menschen wurden dort in den Jahren 1940 bis 1945 ermordet. An Tagen wie heute führen viele Menschen das Schlagwort „Niemals vergessen!“ im Mund und beteuern, dass „so etwas“ nie wieder geschehen dürfe. Ich möchte mit einem Zitat der 2020 verstorbenen Schriftstellerin Ruth Klüger schließen, die Auschwitz überlebt hat: „Man sagt ‚Nie wieder‘ und dann schauen Sie sich mal die Massaker an, die inzwischen passiert sind. Es ist absurd zu sagen, es soll nicht wieder passieren.“

[1] Vgl. Johannes Spies: Die Hohenemser Stolpersteine als Ansatzpunkte einer biographiebezogenen Auseinandersetzung mit der lokalen NS-Geschichte. Abschlussarbeit an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich, 2015, 25. [2] Vgl. die Datenbank der österreichischen Opfer der Shoah unter http://www.doew.at (27.01.2022). [3] Harald Walser: Ein Engel in der Hölle von Auschwitz. Das Leben der Krankenschwester Maria Stromberger. Wien 2021.

  • johannes rauch

Ganz ehrlich: Es ist ein unvergleichliches Gefühl, in einen unverspurten Tiefschneehang einzufahren, der sich wie eine Seidendecke vor dir ausbreitet. Schwünge im federleichten, durchgefrorenen Pulver ziehen zu können, gibt einen einzigartigen „flow“, es ist wie Schweben. Für kurze Momente ist man in völligem Einklang mit der Natur, empfindet sich als Teil eines umfassenden Ökosystems.



Mir ist schon bewusst, dass der Pulverschnee gnädig die Verletzungen verdeckt, die wir der Natur unablässig zufügen, und dass ich mich daher lediglich einer Illusion der Unberührtheit hingebe, aber dennoch: Das kurze Glücksgefühl ist real, und es kann sich nur deshalb so stark entfalten, weil ich zuvor mit meinen Tourenskiern den Berg hinaufgestapft bin. Der Aufstieg ist Teil des Ganzen und nicht lästige Mühsal.



In den letzten Tagen ist sehr viel über das Wider – und auffälligerweise sehr wenig über das Pro – des sogenannten Heliskiings geschrieben worden. Ein Helikopterservice in Lech fliegt etwa 250-mal pro Saison auf den Mehlsack und das Schneetäli und will das auch weiterhin tun. Der Landeshauptmann hat sich über die Einwände der BH Bludenz, der Naturschutzabteilung des Landes, des Verwaltungsgerichtshofs, der Naturschutzanwältin, unzähliger Sachverständiger und NGOs sowie des Koalitionspartners hinweggesetzt und die Genehmigung, die es dem Helikopterbetrieb in Lech erlaubt, die beiden Berge weiterhin anzufliegen, um zweieinhalb Jahre verlängert. Lech ist der einzige Ort in Österreich, in dem Heliskiing gestattet ist. Ich werde, das habe ich bereits angekündigt, alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen, um diesen umweltpolitischen Unfug zu beenden.


In Tirol beispielsweise ist „die Verwendung von Hubschraubern zur Beförderung von Personen für touristische Zwecke“ generell verboten und lediglich zwischen Flugplätzen erlaubt. In den Kärntner Alpinregionen ist „die Vornahme von Außenabflügen und Außenlandungen mit motorbetriebenen Luftfahrzeugen“ ebenfalls verboten, Ausnahmen bestehen lediglich für Katastropheneinsätze, für die Versorgung von Schutzhütten und bestimmte Zwecke der Wildhege und der Landwirtschaft. Es ist höchste Zeit, dass Vorarlberg einen ähnlichen Weg einschlägt und das Verbot von Helikopterflügen zu Tourismuszwecken landesgesetzlich verankert.

Darüber hinaus besteht in Österreich laut Luftfahrtgesetz ein grundsätzlicher Flugplatzzwang. Ich halte es für sinnvoll, darüber nachzudenken, Flügen zu touristischen Zwecken und sonstiger nicht dringlicher Natur die Bewilligung für Außenlandungen und abflüge generell zu versagen.


Denn Heliskiing ist die dekadenteste Form des Schifahrens, das beinahe bemitleidenswert hilflose Bemühen um „Distinktionsgewinn“, oder um es mit einem anderen Wort, ebenfalls von Pierre Bourdieu, zu sagen: „Die feinen Unterschiede“ machen es aus. Man fährt nicht dort, wo die gewöhnlichen Lecher und Zürser Feriengäste sich tummeln, sondern sucht die Exklusivität auf den Hängen jener Berge, die noch nicht von Liften, Seilbahnen und Pisten durchzogen sind. Man ist jedoch nicht bereit, für dieses Vergnügen die Mühsal des Aufstiegs auf sich zu nehmen – das ließe der körperliche Gesamtzustand dieser Klientel vermutlich gar nicht zu –, man lässt sich auf den Gipfel fliegen. Wie früher römische Senatoren oder indische Moguln sich auf Sänften durch die Straßen transportieren ließen, nutzen die Parvenus der Berge nun eben Hubschrauber, um dorthin zu gelangen, wohin ihre Füße sie nicht tragen würden. Dieses arrogante Streben nach Unterscheidbarkeit erinnert mich an Bret Easton Ellis’ Yuppie-Horror-Roman American Psycho aus dem Jahr 1991, in dem durchgeknallte Börsenmakler ihr verlorengegangenes Selbstwertgefühl zu kompensieren versuchen, indem sie Visitenkarten aus Elfenbein anfertigen lassen oder geschmolzenes Eis vom Südpol trinken.

Distinktion ist tatsächlich der einzige „Wert“, der sich mit Heliskiing verkaufen lässt. Ökonomisch ist die ganze Angelegenheit völlig irrelevant. Der Standard hat recherchiert, dass ein Flug – drei Passagiere plus ein:e Bergführer:in – rund 500 Euro kostet. Bei 250 Flügen pro Saison ergibt das einen Umsatz von 125.000 Euro. Davon, wage ich zu behaupten, wird das Gras auf den Weiden des Arlbergs nicht fett. Der Helikopterservice, der die Genehmigung beim Landeshauptmann beantragt und diese auch erhalten hat, hat 2020 laut Firmenbuch einen Bilanzgewinn von knapp 3,2 Millionen Euro verbucht.

Auch unter touristischen Gesichtspunkten spielt das Heliskiing keine Rolle. Lech und Zürs meldeten vor Beginn der Pandemie rund 850.000 Nächtigungen in der Wintersaison. So viel Geld können die hochgerechnet 750 Heliskiing-Tourist:innen gar nicht auf Après-ski-Partys ausgeben, dass ihr Ausbleiben eine Delle in die wirtschaftliche Gesamtsituation des Schigebiets schlagen würde.

Selbst das Sicherheitsargument zählt nicht. Es lässt sich kein „öffentliches Interesse“ an den touristischen Helikopterflügen herbeikonstruieren. Die Vorarlberger Bergrettung betreibt – ohne jegliche Verbindung zum Heliskiing – den Rettungshubschrauber Gallus 1, der dem angesprochenen Helikopterservice gehört, aber die ganze Saison über in Zürs steht und für Rettungseinsätze verwendet werden kann. Der Hubschrauber, der die betuchten, aber trägen Tourist:innen auf den Mehlsack und das Schneetäli bringt, kommt in der Früh aus Ludesch nach Lech und fliegt nach Beendigung seines Tagespensums zurück. Es entsteht kein zusätzliches Sicherheitselement durch das Heliskiing.


Warum also das Ganze? Warum gestattet das Land einigen wenigen neureichen Tourist:innen die Ausübung groben Unfugs in unserer einzigartigen Bergwelt, im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass hier ökologische Schäden angerichtet und die Prinzipien des Natur- und Tierschutzes mit Füßen getreten werden? Wem nützt der Blödsinn?


Die Grünen, so viel sei schon noch angemerkt, haben stets Stellung gegen das Heliskiing bezogen, zuletzt in der Debatte 2016/17, als wir bereits in Regierungsverantwortung standen. Natürlich haben Markus Wallner und ich die Causa intern BEsprochen, aber nicht ABGEsprochen. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Die Verlängerung der Genehmigung war, wie erwähnt, die alleinige, einsame und völlig unverständliche Entscheidung des Landeshauptmanns.



  • johannes rauch

Zugegeben, auch wir Grünen haben lange Zeit nicht sehr viel vom Amt des Bundespräsidenten gehalten. Ersatzkaiser, hieß es; Grüßaugust, dachten wir; repräsentative Monstranz, spöttelten wir. Doch 2016 legten wir all unsere Energie, all unser politisches Gewicht und all unsere Emotionen in die Aufgabe, Alexander Van der Bellen als Bundespräsidenten in die Hofburg zu bringen. Es ist uns – wider Erwarten und nach einigem Trubel rund um die Stichwahl, den ich an dieser Stelle nicht zusammenfassen muss – tatsächlich gelungen.


Am 25. Jänner 2017 erschien eine Zeichnung des Karikaturisten Michael Pammesberger in der Tageszeitung Kurier. Der am folgenden Tag anzugelobende Bundespräsident und sein Hund blicken aus dem Fenster der Hofburg, und Van der Bellen meint, gedankenversunken: „Pfoah … des wird fad …“

© Kurier/Pammesberger


Tja, da haben wir uns alle getäuscht. 2019, nach dem Auftauchen des Ibiza-Videos und der Abwahl von Bundeskanzler Kurz durch einen parlamentarischen Misstrauensantrag, standen wir knapp vor einer Verfassungskrise. Ich bin Alexander Van der Bellen heute noch enorm dankbar dafür, dass er die Republik mit sicherer, ruhiger Hand durch diese politischen Sandbänke, Klippen und Riffe navigiert hat. Das von ihm nominierte Expert:innen-Kabinett von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein – nebenbei bemerkt, der ersten Frau in diesem Amt – hat seine Aufgaben mit großer Kompetenz erfüllt, doch der stabilisierende Faktor in diesen stürmischen Zeiten, in denen die Wogen hoch gingen und die Zukunft ungewiss erschien, war der Bundespräsident. An seiner Zuversicht, seiner Gelassenheit, seinem Vertrauen in die „Eleganz der Verfassung“ und seinem feinen Humor konnten wir alle uns orientieren.

Ich will mir gar nicht ausmalen, wie diese Staatskrise unter einem anderen Bundespräsidenten hätte ausgehen können.


Alexander Van der Bellens Erfahrung und Besonnenheit – das hat sich auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise gezeigt – suchen in der politischen Landschaft Europas ihresgleichen. Wir wären höchst unklug, würden wir auf ein Staatsoberhaupt von diesem Format verzichten wollen. Dieser Ansicht schließen sich auch immer mehr Politiker:innen anderer Parteien an. Die Zweite Nationalratspräsidentin Dores Bures, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser und Niederösterreichs Landesparteichef Franz Schnabl (alle von der SPÖ) würden Alexander Van der Bellen unterstützen, sollte dieser ein weiteres Mal kandidieren, und auch die ÖVP-Landeshauptleute Hermann Schützenhöfer, Thomas Stelzer, Günther Platter und Markus Wallner haben bereits Unterstützung im Falle eines erneuten Antretens signalisiert.

Und wenn sich Manfred Weber, der Vorsitzende der Fraktion der Konservativen im Europäischen Parlament, dazu versteigt, die Kandidatur von Silvio Berlusconi (!) zum Staatsoberhaupt Italiens öffentlich zu unterstützen, dann wäre es ein angemessenes Signal der staatstragenden Parteien in Österreich, würden sie Alexander Van der Bellen als neuen, alten Bundespräsidenten empfehlen.


Heute feiert Alexander Van der Bellen seinen 78. Geburtstag: Happy birthday, Mr President! Ich kann dir in diesem Beitrag keinen Geburtstagswunsch erfüllen, sondern wende mich mit einem Wunsch an dich: Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Sascha, tritt bitte wieder an!


Weil es eben nicht wurscht ist, wer in den nächsten sechs Jahren im Leopoldinischen Trakt der Hofburg sitzt.

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