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"Es gibt Krisenzeiten, in denen nur das Utopische realistisch ist."
(George Steiner)
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(Warnung: Der folgende Text könnte zu Stirnrunzeln, Kopfschütteln oder Gefühlswallungen führen. Er ist allerdings auch dort ernst gemeint, wo das Stilmittel der Ironie eingesetzt wird. Er entstand in der wenigen Zeit, die mir als Privatperson noch zum Nachdenken über die sich verändernde Welt zur Verfügung steht.)


Wir sind Österreich

Im Durchwurschteln sind wir Weltmeister. Seriensieger seit 1945. Das Sudern, das Raunzen, das Jammern, der Zweckpessimismus gehören zur österreichischen Seele wie die Käsknöpfle zur Vorarlberger Küche. Und am Ende wird es nie ganz so schlimm gewesen sein.


Nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir alle recht rasch Opfer. Adolf Hitlers triumphaler Einzug in Wien, seine Rede am Heldenplatz verblassten angesichts der Segnungen des Wiederaufbaus. Bald kamen alle irgendwo unter und richteten es sich gemütlich ein. In der roten Reichshälfte, in der schwarzen Reichshälfte, und wem das alles zu fortschrittlich war, dem blieb immer noch der VdU, der sich später in die FPÖ verwandelte.


Den „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“-Jahrzehnten nach dem Staatsvertrag folgten Ölschock und Ölkrise, die bald überwunden waren. Zwentendorf überlebte als nie in Betrieb genommenes Monument eines Irrtums, Rudolf Kirchschläger wollte 1980 diverse Sümpfe und saure Wiesen trockenlegen (scheiterte aber an der Drainage), und um die Hainburger Au sind heute alle froh. Die Kernschmelze in Tschernobyl verdarb uns für kurze Zeit die Lust an den Schwammerln und den Heidelbeeren, und wir haben den Kindern das Spielen in den Sandkisten verboten.


Der Vietnamkrieg ging uns nichts an, vom Eisernen Vorhang und vom Kalten Krieg haben wir profitiert. Wir haben die ungarischen und tschechoslowakischen Flüchtlinge willkommen geheißen, die „Gastarbeiter“ sowieso, aber spätestens mit den Balkankriegen wurden uns die Ausländer:innen ein wenig unheimlich.


Zur Rechtfertigung unseres Selbstbildes als „Kulturnation“ bemühen wir die, die wir eigentlich nicht leiden können: Qualtinger und Kreisler, Peymann, Bernhard und Jelinek, Nitsch. Doch richtige Emotionen setzen wir nur im Sport frei: Schranz, Klammer, Maier, Hirscher! Rindt, Lauda! Córdoba!


Am EU-Beitritt bemängeln viele noch immer den Ersatz des Schillings durch den Euro, europäisch mussten wir nicht werden, weil wir uns als Vorarlbergerinnen, Tiroler oder Kärntnerinnen selbst genügen. Aber wir freuen uns, wenn wir vor dem EU-Kommissionsgebäude in Brüssel die österreichische Fahne flattern sehen.


Wir haben uns unseren Wohlstand mit einigen speziellen Institutionen erkauft: die Sozialpartnerschaft, die Landeshauptleutekonferenz, die Bischofskonferenz, der Bauernbund, der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. Aber wir haben uns aneinander gewöhnt: die Schwarzen an die Blauen, die Roten an die Grünen, die Krone an oe24, der Bund an die 15a-Verhandlungen, der ÖGB an die Industriellenvereinigung. Hin und wieder schwappen Skandale über uns hinweg (der Glykol-Skandal hat immerhin die Qualität des österreichischen Weins deutlich erhöht), ohne uns wirklich nass zu machen, und dementsprechend versuchen wir Klimakrise und Flüchtlingswellen nach langjähriger Tradition wegzuraunzen: „Eh blöd, aber geht scho.“


Generationen von Autor:innen, bildenden Künstler:innen, Musiker:innen, Kommentator:innen und Karikaturist:innen haben sich mit ironischer Nachsicht, bebendem Zorn, fatalistischem Gleichmut und bitterem Zynismus an dieser spezifisch österreichischen Realität abgearbeitet.


In deutschen Late Night Shows mögen sie uns; dort blickt man fast ein wenig neidisch auf unsere Nonchalance, unseren Schmäh, unser Kaffeehaus und die rhythmische Uneindeutigkeit des Donauwalzers, da der Preuße gar nicht anders kann, als ein strammes Humm-ta-ta zu fordern.

Im englischsprachigen Ausland verwechseln sie uns auch schon länger nicht mehr mit Australien (zumindest die bildungsnahen Schichten), weil: Sound of Music. Julie Andrews am Mondsee. O du mein Österreich.


Schnitt. Sturm zieht auf.

Und nach dieser 75 Jahre langen Einleitung kommt Corona. Weltweit. Wir mittendrin, ohne Entkommen. Nach zwei Jahren Pandemie überfällt Wladimir Putin die Ukraine. Die schrecklichen Bilder gehen uns sehr, sehr nahe, zumal die Ukraine näher ist, als wir dachten: Es führt eine Eisenbahn-Direktverbindung von Wien nach L’viv (vormals, in der guten, alten Zeit: Lemberg).

Und plötzlich bemerken wir: Wir hängen an den Pipelines. Russisches Erdgas determiniert unseren Lebensstil und Lebensstandard. Die Stromrechnung steigt, Konsumgüter und Lebensmittel werden immer teurer und alltägliche Produkte verschwinden aus den Supermarktregalen. Nicht mehr lieferbar.


Wir erleben Trockenheiten im März, Grippewellen im April. Der Krieg rückt jeden Tag näher. In Polen und Moldau warten und hoffen Millionen von Geflüchteten auf – ja, worauf eigentlich? Die russischen Oligarchen, die wir hofiert haben, bereiten uns Kopfzerbrechen – wie sollen wir bloß mit ihnen und ihren Reichtümern umgehen? Österreichische Banken und Firmen, die sich angesichts der beispiellosen Profitmargen in Russland jahrelang die Hände gerieben haben, wissen nicht, wie ihnen geschieht, und schreiben Milliardenbeträge in den Wind. Selbst die Salzburger Festspiele erkennen das Reputationsproblem, das von Sponsoren wie Solway ausgeht. Alles hängt mit allem zusammen, und wir kennen uns nicht mehr aus. Das ist verständlich.


Und weil es uns früher immer geholfen hat, raunzen wir ein bisschen und hoffen, nein: glauben: „Eh blöd, aber geht scho.“ Das wird schon wieder. Wird wieder normal. So wie vorher halt.


Aber diesmal nicht.

Es wird nicht mehr so werden wie früher – und das ist eine gute Nachricht.

Sie mögen mir empört widersprechen, mich als Zyniker beschimpfen oder mich als Narren verlachen, doch ich meine das ernst.


Was nun?

Zunächst, davon müssen wir ausgehen, wird es eine Zeit lang gar nicht lustig, vor allem für jene Menschen, die schon jetzt den größten Teil ihres Einkommens für Wohnen, Heizen, Essen und Kleidung ausgeben mussten. Diese Prognose lässt sich nicht weichspülen, jede Abschwächung wäre gelogen. Die Transformation, die vor uns liegt, wird heftig, anstrengend und stellt alles in Frage, was wir als liebgewonnene Selbstverständlichkeiten betrachtet haben, bis hin zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, bis hin zur Demokratiefähigkeit und zur Demokratiewilligkeit (sic!).

Unsere Konsumgewohnheiten werden sich verändern. Unsere Selbstgewissheit und unsere Selbstsicherheit, mit deren Hilfe wir (entgegen besseren Wissens) verdrängt haben, dass sich die Kiste mit „Drei Prozent Wirtschaftswachstum und alles ist gut“ genauso wenig ewig ausgeht wie die Nummer mit der Geldpolitik der Notenbanken, stehen auf dem Prüfstand. Ein „Nicht genügend“ ist zu befürchten.

Die Transformation, die vor uns liegt, hat heute schon die Illusion zerstört, dass die Abhängigkeit von Öl und Gas erst „irgendwann“ zum Problem wird. Sie wird uns dazu zwingen, ganze Industrien neu zu denken, Lieferketten aufzudröseln und neu zu gliedern und wesentlich sorgfältiger mit den sogenannten Ressourcen umzugehen. Sie wird uns abverlangen, ein neues Verständnis von territorialer Verteidigung zu entwickeln, Sicherheitsdoktrinen fundamental zu überarbeiten.

Die Transformation, die vor uns liegt, wird uns begreifen lassen, dass wir nur als Europäische Union, als Union der Nationalstaaten mit einer europäischen Verfassung und einem Europäischen Parlament von demokratischem Format die Souveränität der Staaten und Regionen bewahren können. (Nein, das ist kein Widerspruch in sich.)

Sie wird uns die Entscheidung abverlangen, ob wir die Kontrolle über menschliche Kommunikation, die Macht über Bilder und Nachrichten einer Handvoll gigantomanischen Milliardären und ihren Konzernen überlassen wollen.


Die Transformation, die vor uns liegt, dieser Übergang vom Gewesenen in das noch kaum denkbare Neue, kennt keine Alternative – außer Krieg und Barbarei und Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten.


An dem Aushandlungsprozess, mit dem wir diesen Übergang gestalten, müssen alle beteiligt sein. Alle. Ausnahmslos. Lassen wir die (selbsternannten oder funktionalen) Eliten mit dieser Frage allein, werden sie scheitern. Die populistischen Verführer:innen mit simplifizierenden, regressiven und am Ende repressiven Denk- und Machtmodellen werden alleine scheitern. Die sich als Reformkräfte tarnenden Konformist:innen werden alleine scheitern. Die Verschwörungsgläubigen und Sektenanhänger:innen werden alleine scheitern. Die Alten allein, die Jungen allein, sie werden scheitern.

Aber sie alle müssen an dem Prozess teilhaben. Das wird der schwierigste Teil.


Gelingt dieser Prozess, werden alle gewinnen. Wir werden die Voraussetzungen erhalten, um auch in 30 oder 300 Jahren noch auf diesem Planeten leben zu können. Wir werden dem Teil der Erde, den wir als Globalen Süden bezeichnen, Entwicklung ermöglichen und damit Kriege verhindern. Wir werden unabhängig von fossilen Energieträgern. Wir werden wieder mehr Lebensmittel und mehr Güter in Europa produzieren, damit wir nicht länger auf Kosten der restlichen Welt leben. Wir werden ein neues Verhältnis zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, zu Menschenrechten und Menschenwürde etablieren. Die Superreichen werden ein wenig ärmer, die Bettelarmen wesentlich reicher. Wir werden Tiere als Lebewesen und nicht als Ware begreifen. Ich ertrage den Pathos dieses Absatzes selbst kaum, aber es nutzt halt nix.


Der Ausgang ist am Beginn der Reise ungewiss. Wir machen uns auf den Weg, indem wir es wagen, uns einzugestehen, dass es nie mehr so werden wird wie früher und dass das keine schlechte, sondern eine gute Nachricht ist.

  • johannes rauch

Hin und wieder tun sich – unerwartet, aber nicht unvorbereitet – Möglichkeitsfenster auf. Anfang Februar zum Beispiel. Da setzten sich der Klubobmann der Vorarlberger Grünen Daniel Zadra und sein ÖVP-Pendant Roland Frühstück zu einer Verhandlungsrunde in Sachen Parteien- und Wahlkampffinanzierung zusammen.


Der Druck, das muss ich hier nicht wiederholen, war hoch, insbesondere auf die ÖVP. Ende letzten und zu Beginn dieses Jahres erhielten die Praktiken von ÖVP und Wirtschaftsbund zur Parteienfinanzierung und die eigenartige Geschäftsbeziehung des Vorarlberger Wirtschaftsbunddirektors mit Russ Media mehr österreichweite Aufmerksamkeit, als es der schwarzen Parteispitze lieb war. Die Empörung über diese zumindest undurchsichtigen Netzwerke schlug hohe Wellen, die bis ins Landhaus schwappten. Es musste, so viel schien klar, etwas geschehen, und Daniel Zadra und Roland Frühstück nutzten die Gunst des Augenblicks.


Ich neige nicht zu verfrühtem Enthusiasmus, aber was Zadra und Frühstück am 11. Februar einer staunenden Öffentlichkeit vorstellten, wird zahlreiche Wunden schließen, die der Demokratie in den letzten Jahrzehnten beigebracht wurden.

Künftig müssen die Parteien alle Inserate, Spenden und Subventionen, egal ob direkt bei der Partei, bei einer Teilorganisation oder einer nahestehenden Organisation, lückenlos veröffentlichen. Das bedeutet: Wir werden in Hinkunft wissen, wer bei wem um wie viel Geld Anzeigen schaltet, wer wem wie viel spendet und wer wem Subventionen – auch sogenannte „lebende Subventionen“ in Form von überlassenen Arbeitskräften – gewährt. Die Wahlkämpfe werden kürzer und billiger, und es wird eine Obergrenze für die Anzahl der Wahlplakate eingeführt. Das stellt eine nicht nur ökologische, sondern auch optische Erleichterung für alle Vorarlberger Bürger:innen dar. Außerdem erhält der Landesrechnungshof endlich Prüfrechte hinsichtlich der Parteien- und Wahlkampffinanzierung, die diesen Namen auch verdienen.


Zurzeit verhandeln ÖVP und Grüne die umfangreiche Novelle des Parteienförderungsgesetzes mit den drei Oppositionsparteien FPÖ, SPÖ und Neos, weil die Regierungsparteien das Ziel ausgegeben haben, dieses epochale Gesetzesvorhaben mit möglichst großer Mehrheit im Landtag zu beschließen. Ehrlich gesagt, kann ich nicht erkennen, wie irgendjemand, dem Transparenz und Demokratie am Herzen liegen, diesen Vorschlag reinen Gewissens ablehnen könnte. Aber selbstverständlich will ich den Verhandlungen nicht vorgreifen.


Und dann der Bund


Nicht einmal zwei Wochen später zog die Bundesregierung nach. Um das Reformpaket zur Parteienfinanzierung war mehr oder weniger seit Beginn der Koalition verhandelt worden; ich wage zu behaupten, dass die Vorarlberger Einigung den Beratungen auf Bundesebene entscheidenden Rückenwind in die Segel blies.

In aller Kürze die wichtigsten Punkte:

  • Echte Prüfrechte für den Rechnungshof. Damit hat die Regierung eine jahrzehntelange Forderung des Rechnungshofs erfüllt. Hegt die Behörde begründeten Verdacht, kann sie Einschau in die Unterlagen der Partei nehmen. Bisher, auch wenn man es kaum fassen mag, musste der Rechnungshof einfach glauben, was eine Partei ihm sagte.

  • Die Parteien müssen künftig ihre Vermögen und Schulden offen- und eine wesentlich ausführlichere Einnahmen-Ausgaben-Rechnung vorlegen als bisher.

  • Anonyme Spenden sind nur mehr bis zu einer Höhe von 150 € möglich.

  • Die Wahlkampfkosten müssen spätestens sechs Monate nach einer Wahl in einem eigenen Wahlwerbungsbericht veröffentlicht werden. Die Rechenschaftspflicht umfasst auch Teil- und Vorfeldorganisationen sowie Personenkomitees.

Vor allem aber erhöht die Regierung die Strafen für die Überschreitung der Wahlkampfkostenobergrenzen empfindlich. Wer statt der erlauben sieben Millionen künftig, sagen wir, zwölf Millionen Euro in einen bundesweiten Wahlkampf pumpt (Überschreitungen in diesen Dimensionen sollen schon vorgekommen sein), hat schmerzhafte Strafzahlungen zu gewärtigen, nämlich:

  • 105.000 Euro für die ersten 700.000 Euro (15 % Pönale)

  • 525.000 Euro für die folgenden 1,050.000 Euro (50 % Pönale)

  • 2,625.000 Euro für die folgenden 1,750.000 Euro (150 % Pönale)

  • 3,000.000 Euro für die letzten 1,500.000 Euro (200 % Pönale)

Kurz gesagt, es zahlt sich einfach nicht mehr aus, den Wahlkampf in eine entgrenzte Materialschlacht zu verwandeln.


Die Kolleg:innen in Wien sind im Übrigen auch schon an der Arbeit und fordern die dortige Stadtregierung zum Handeln auf.


Soll noch einmal irgendjemand behaupten, dass kritische Berichterstattung in Österreich keine Wirkung entfaltet. Ich lehne mich jetzt ein kleines bisschen aus dem Fenster und behaupte, dass wir die nun vorgestellten demokratischen Reformen zu einem nicht geringen Teil den unermüdlichen Recherchen von Ö1 sowie der Berichterstattung im ORF und in den überregionalen Tageszeitungen zu verdanken haben. Die oft zitierte vierte Macht im Lande hat tatsächlich das politische Geschehen beeinflusst.


Das sind hervorragende Nachrichten, über die wir uns freuen und die uns dazu veranlassen sollten, mit einem kleinen Bier auf den Erfolg anzustoßen.


Doch ab morgen bewegen wir uns auf die nächste Baustelle zu: Informationsfreiheitsgesetz!

Jeff Bezos lässt gern bauen. Die neue Yacht des Amazon-Gründers, stolze 127 Meter lang und damit das größte jemals gebaute Privatschiff, wird von dem Unternehmen Oceanco in einer Werft bei Alblasserdam, südöstlich von Rotterdam, gerade fertiggestellt. Nun führt der Wasserweg von der Werft ins offene Meer über die Nieuwe Maas, die, weil sie das historische Zentrum von Rotterdam vom Stadtteil Feijenoord trennt, von zahlreichen Brücken überspannt wird. Die Koningshaven-Brücke, eine 1927 gebaute, auch De Hef genannte Stahlkonstruktion, ist eine davon. Sie hat eine lichte Höhe von 46,5 Metern, und das ist für Amazon zu wenig. Die Yacht mit dem romantischen Namen Y721 passt nicht unten durch, die Dimensionen der denkmalgeschützten Brücke reichen für Bezos’ gigantischen Schiffsmast einfach nicht aus. Was also tun? Klar: die Brücke demontieren.

„Wer das Gold hat, macht die Regel“, wusste schon Frank Stronach, und ganz offensichtlich steht auch Jeff Bezos auf dem Standpunkt, dass sich mit genügend Geld jedes Problem und jeder Irrtum beheben lassen. Immerhin regt sich bereits ziviler Widerstand gegen die bizarren Pläne, zu denen sich die Rotterdamer Stadtregierung bisher lediglich abwiegelnd geäußert hat. Am 1. Juni soll Bezos’ Yacht mit faulen Eiern beworfen werden: „Rotterdam wurde von den Rotterdamern aus Trümmern gebaut, und wir nehmen die Stadt nicht für das Phallussymbol eines größenwahnsinnigen Milliardärs auseinander“, heißt es in der Beschreibung der Veranstaltung. Mit faulen Eiern auf Schiffe zielen – damit haben ja auch wir in Vorarlberg ein wenig Erfahrung. Wie auch immer: Dass Bezos – wie andere medienaffine Milliardäre auch – auf penisförmige Materialschlachten steht, hat er ja bereits mit seinem Ausflug ins Weltall unter Beweis gestellt. Über die Ästhetik toxischer Männlichkeit lässt sich bekanntlich bestens debattieren.


Amazon ist gerade dabei, ein dicht gewobenes logistisches Netz über ganz Europa auszuwerfen. In Österreich existieren zurzeit drei Verteilzentren, nämlich in Großebersdorf im niederösterreichischen Weinviertel sowie in Wien-Liesing und Wien-Simmering. In Klagenfurt erfolgte unlängst der Spatenstich für ein weiteres Lager, Standorte in Graz-Liebenau und Linz sind in Planung – und natürlich der Standort Dornbirn, der die Vorarberger Kommunal- und Landespolitik noch eine Weile beschäftigen wird.

Worum geht’s in aller Kürze? Amazon, vertreten durch das in Mödling ansässige Immobilienentwicklungsunternehmen Go Asset, hat an der Autobahnanschlussstelle Dornbirn-Nord ein 33.000 Quadratmeter großes Areal gefunden, das offenbar den logistischen und verkehrstechnischen Anforderungen des Konzerns genügt, und plant, hier ein Verteilzentrum zu errichten. Eine grundsätzliche Einigung mit der Eigentümerin des Grundstücks, der Gebrüder Ulmer Holding, scheint vorzuliegen.


Nun haben wir ein Problem. In vielen von uns – und ich nehme mich selbst überhaupt nicht aus – regt sich der Reflex, die Ansiedlung eines multinationalen Konzernriesen wie Amazon in unserem Bundesland schon einmal aus grundsätzlich moralischen Erwägungen abzulehnen. Denn Amazon repräsentiert den großen, bösen Wolf, den Godzilla des Internetgeschäfts, den wir in unserem Garten begreiflicherweise nicht haben wollen. Amazon, das ist irgendwie degoutant. Für eine politische Bewertung der Situation reicht aber das Gefühl das Ekels nicht aus; Gemeinde- und Landespolitik stehen vor der schwierigen Aufgabe, ihre Abneigung gegenüber den Begehrlichkeiten des Giganten aus Seattle mit Argumenten zu fundieren.

Ich denke, wir sollten unsere Einschätzung des Projekts auf zumindest vier unterschiedlichen analytischen Ebenen ansiedeln, die zu trennen leichter gesagt als getan ist: Wir müssen uns mit ökologischen (und verkehrspolitischen), sozialpolitischen, mikro- sowie makroökonomischen Aspekten der Praxis des Konzerns beschäftigen, um unser Nein zu untermauern.


Verkehr und Ökologie in Dornbirn-Nord


Meine Kollegin, die Dornbirner Stadträtin Juliane Alton, hat bereits angemerkt, dass es für das gesamte Betriebsgebiet rund um das von Amazon begehrte Objekt keinen Bebauungsplan gibt.[1] Ein solcher wäre aber dringend nötig, damit die politischen Entscheidungsträger:innen nicht nur mit dem konkreten Anlassfall, sondern auch mit zukünftigen, vermutlich ähnlich gelagerten Fragestellungen verbindlich umzugehen lernen. Juliane Alton regt unter anderem an: ausschließlich unterirdische Stellplätze, verpflichtende Mehrgeschoßigkeit, Photovoltaik in Kombination mit Dachbegrünung und Regenretention, parkähnliche Außenraumgestaltung, Erholungsraum für Angestellte, Baumaterialien aus der Region, Passivhausstandard.


Doch damit ist noch nicht die Frage geklärt, ob auf dem Gelände überhaupt gebaut werden soll. Immerhin handelt es sich dabei um einen der letzten unverbauten Grünkorridore gemäß der Vision-Rheintal-Karte von 2015, auf dem sich Gelbbauchunken, Flussregenpfeifer, Braunkehlchen und Biber aufhalten und eine große Vielfalt an Riedpflanzen gedeiht.


Davon abgesehen darf der Autobahnknoten rund um Dornbirn-Nord und den Achraintunnel schon jetzt mit Fug und Recht als Vorarlberger „Verkehrshölle“ bezeichnet werden. Es staut am Morgen, es staut am Abend, und dazwischen fließt der Verkehr nur zäh. Vom Ski-Tourismus und von den Wintersporttagesgästen am Wochenende fange ich gar nicht erst an. Ausgerechnet dorthin wollen wir ein Logistikzentrum bauen!? Die Transportfahrzeuge von Amazon würden den Achraintunnel, den wichtigsten Flaschenhals in den Bregenzerwald, noch stärker verstopfen, als das jetzt schon der Fall ist, und in Richtung Lauterach sind schon jetzt viel zu viele Autos unterwegs.


Interessanterweise richtet sich auch die parlamentarische Anfrage der SPÖ-Abgeordneten Manuela Auer auf die vermuteten Verkehrsprobleme – und nicht, wie ich angenommen hätte, auf die arbeitsrechtlichen und sozialen Zumutungen, die Amazon weltweit praktiziert. Aber womöglich kommt hier noch ein Nachzieher.


Denn gegen diese verkehrspolitischen Befürchtungen besitzt Amazon ganz gute Argumente, wie uns ein Blick nach Graz zeigt. Auch dort will der Konzern ein Verteilzentrum am Stadtrand mit sehr günstiger Verkehrsanbindung an die Autobahn und an die bevölkerungsreiche Innenstadt errichten. Es hat sich Protest formiert, sowohl die Stadt Graz als auch eine Bürger:inneninitiative berufen gegen die Entscheidung des Landes Steiermark, auf die Umweltverträglichkeitsprüfung zu verzichten. Doch Amazon hat angekündigt, bei der Zustellung der Pakete ausschließlich auf E-Mobilität zu setzen. Das ist nur möglich, weil die Wege von der geplanten Drehscheibe in die Haushalte kurz sind. Würde Amazon nicht in Graz-Liebenau bauen, müsste sich der Konzern wohl in einem großen Logistik-Gebiet rund 25 Kilometer südlich von Graz ansiedeln (auch die Post und DHL haben dort ihre Verteilzentren), von wo aus, heißt es, die Zustellung nur mit herkömmlichen, fossil angetriebenen Fahrzeugen möglich wäre. Die Stadt Graz hat bereits ein Verkehrsgutachten erstellen lassen, das ein zusätzliches Verkehrsaufkommen von rund 800 Transportern pro Tag berechnet hat, von denen keine signifikanten Auswirkungen auf den Gesamtverkehr in Graz ausgehen dürften; auch Umwelt- und Lärmgutachten haben unproblematische Resultate ergeben. Die Anlieferung der am nächsten Tag zuzustellenden Waren (in Liebenau würde ebenso wie in Dornbirn nicht gelagert, sondern nur verteilt) würde nachts an sieben Tagen die Woche erfolgen, in Graz rechnet man mit 14–20 Lkw pro Nacht, zu Ostern und zu Weihnachten vermutlich mehr. Diese Rahmenbedingungen sind – das sagen zähneknirschend selbst Grünen-Politiker:innen in Graz – aus verkehrspolitischer und ökologischer Perspektive kein Riesendrama angesichts des bereits vorhandenen hohen Verkehrsaufkommens.


Beschäftigungspolitik à la Amazon – eine sozialpolitische Notlage


Amazon ist mittlerweile der zweitgrößte Arbeitgeber in den USA, doch die schieren Zahlen sprechen nur scheinbar für die Qualitäten des Konzerns. Für die Menschen, die in Amazons Auslieferungszentralen arbeiten, hat sich vor einigen Jahren der zynische Spitzname „Amazombies“ etabliert, weil viele nur dank Schmerzmitteln, die Amazon in eigens aufgestellten Automaten gratis zur Verfügung stellte, arbeitsfähig bleiben. Auch in Österreich häufen sich Berichte von 12-Stunden-Arbeitstagen, von unbezahlten Überstunden, totaler Überwachung und bizarr anmutenden Bestrafungssystemen, insbesondere in den Sub-Firmen, die Amazon für seine Zustelldienste beschäftigt. Besonders perfide: Wer nie in Krankenstand geht, erhält Bonuszahlungen; manchmal erhalten ganze Teams Boni, wenn über einen bestimmten Zeitraum hinweg kein Teammitglied krank war. Das erhöht die peer pressure, den Gruppendruck, ganz gewaltig, weil begreiflicherweise niemand das schwarze Schaf sein möchte, wegen dessen krankheitsbedingter Abwesenheit das gesamte Team leer ausgeht.


Amazon übt großen Druck auf seine Mitarbeiter:innen aus. Der Konzern hat ein ausgeklügeltes System zur Verbesserung beziehungsweise Kündigung von Beschäftigten etabliert, die als leistungsschwach gelten. Sobald ein:e Manager:in eine:n Angestellte:n als Schwachpunkt identifiziert, landet er oder sie in einem Coaching-Programm namens „Focus“. Wer sich dort nicht bewährt, wird in ein anderes Programm namens „Pivot“ versetzt und steht bald einer firmeninternen Jury gegenüber, die das Schicksal der Betroffenen in Händen hält. Offenbar hält Amazon an dem Prinzip fest, Jahr für Jahr einen bestimmten Prozentsatz an Arbeitnehmer:innen loszuwerden. Man hat diesem Mechanismus sogar einen eigenen Terminus gegeben: “unregretted attrition” – „unbedauerter Verschleiß“.


Es erübrigt sich beinahe zu sagen, dass Amazon in den USA die Bildung von Gewerkschaften behindert. Die deutsche Gewerkschaft ver.di liegt seit 2014 im Dauerstreit mit Amazon, weil der Konzern die tarifliche Absicherung seiner Arbeitnehmer:innen mittels Kollektivverträgen (in Deutschland sagen sie Tarifverträge dazu) verweigert. Immerhin gibt es in den deutschen Amazon-Betriebsstätten seit 2014 Betriebsräte.


Schlecht bezahlt, überwacht, unter Druck, nicht wertgeschätzt – ein Arbeitsklima der Ausbeutung. Arbeitsbedingungen dieser Art kann in Vorarlberg niemand ernsthaft herstellen wollen. In Graz geht man übrigens davon aus, dass in dem Liebenauer Verteilzentrum rund 160 Menschen Beschäftigung finden werden, darin sind die Zusteller:innen nicht inkludiert.


Der Tod des Einzelhandels


Die Post in ihrer Eigenschaft als Platzhirsch des Zustelldiensts schlägt Alarm: Der Vorarlberger Postgewerkschafter Franz Mähr gab in der Neuen zu Protokoll, er habe „aus Insiderkreisen gehört“, Amazon plane, „von Vorarlberg aus in den süddeutschen Raum und ins Tiroler Oberland zu liefern, von Touren in die Schweiz sei ebenfalls die Rede. Mähr spricht von 400 Lieferfahrzeugen.“[2] Man muss betonen, dass das unbestätigte Informationen sind. Die Stadt Dornbirn gab an, sie habe vom Projektwerber erfahren, dass nur innerhalb von Vorarlberg ausgeliefert werden solle.[3]

Doch wie auch immer: Die Befürchtungen der Post sind legitim, unabhängig davon, ob der ehemalige Staatsbetrieb sich lediglich um sein eigenes Geschäft sorgt, ob ihm die prognostizierte Verkehrsbelastung aus ökologischen Gründen widerstrebt oder ob er einen Preiskampf fürchtet, der sich generell negativ auf die Löhne der Zuliefer:innen auswirkt.


Der Buchhandel liegt bereits im Sterben – Ausnahmen wie die kürzlich in Dornbirn eröffnete Buchhandlung bestätigen, fürchte ich, die Regel –, und tatsächlich läuft Amazons Unternehmenspolitik auf die Vernichtung des gesamten Einzelhandels hinaus. Bei Amazon gibt es alles zu kaufen, selbst regional hergestellte Produkte – aber eben nur zu den Bedingungen von Amazon: Wer über Amazons „Marktplatz“ verkaufen will, entrichtet dafür eine Gebühr, die sich zwischen sechs und 15 % des Verkaufspreises bewegt – eine Art Privatsteuer also, die der Konzern hier einhebt. Wer sich diesem Regelwerk und seinen Knebelparagrafen entgegenstellt, geht unweigerlich unter – nur wenige schaffen es, in einzelnen Nischen dagegenzuhalten, vielleicht auch deshalb, weil der Scheinwerfer von Amazon sie noch nicht erfasst hat.

Nun lässt sich argumentieren, dass dieser Befund wohl stimme, dass die Errichtung eines Verteilzentrums in Dornbirn auf diese Dynamik aber keinen Einfluss habe, weil es den Menschen, die bei Amazon bestellen, ja völlig gleichgültig sei, von wo das gewünschte Produkt geliefert wird. Hauptsache, es ist am nächsten Tag im Postkasten. Doch ein solches Argument übersieht, dass das Dornbirner Verteilzentrum an einem der verkehrsreichsten Punkte Vorarlbergs errichtet und schon allein aufgrund seiner Existenz, seiner Betriebsamkeit, seiner Beleuchtung und seiner Firmenschilder ein weithin sichtbares, in Geld kaum aufzuwiegendes Werbesymbol darstellen würde, das in die Köpfe der Pendler:innen eindringt und schließlich die Wörter „Einkaufen“ und „Amazon“ zu Synonymen werden lässt.


Global Players


Das bringt mich zum letzten Punkt meines langen Arguments. Amazon hat 2020 einen weltweiten Umsatz von 386,1 Milliarden US$ erzielt. Diese Marktmacht erdrückt alle anderen Marktteilnehmer:innen. Jeff Bezos besaß Anfang März 2020 rund 113 Milliarden US$, im Juli desselben Jahres bereits 182,6 Milliarden US$. Er ist der mit Abstand größte Profiteur der Corona-Pandemie. Kein Wunder, dass ihm die vorübergehende Demontage einer Brücke in Rotterdam keine schlaflosen Nächte bereitet.

Amazon versucht so aggressiv wie kaum ein anderes Unternehmen Einfluss auf die Gesetzgebung in den USA zu nehmen: „Amazon lobbyierte gegen die Umsatzsteuer, die das Unternehmen bei einem Großteil der Verkäufe von Drittanbietern noch immer nicht berechnete, obwohl diese inzwischen mehr als die Hälfte seines US-Einzelhandelsgeschäfts ausmachten. Es lobbyierte gegen die Regulierung von Drohnen, von denen es hoffte, sie zum Ausliefern von Paketen einzusetzen. Es lobbyierte, um bei der amerikanischen Post die vergünstigten Zustellpreise zu behalten. Es lobbyierte bei der Auftragsvergabe der Regierung, weil es hoffte, zentrale Anlaufstation bei allen Anschaffungen des Bundes zu werden. Amazon lobbyierte gegen jede Bemühung, das Unternehmen vom Kartellamt prüfen zu lassen.“[4] Es ist nicht zu erwarten, dass Amazon in Europa zurückhaltender agieren würde. Doch Jeff Bezos selbst macht sich die Finger nicht schmutzig; er schießt lieber 90-jährige Schauspieler ins Weltall (wobei ich William Shatner den Ausflug gönne). Amazon beschäftigt Legionen von Lobbyist:innen und Scharen von Subunternehmen, wie die erwähnten Immobilienentwickler von Go Asset, die bar jeglicher persönlicher Betroffenheit quasi automatenhaft die Vorgaben der Konzernzentrale in Seattle umsetzen. Repräsentant:innen von Amazon selbst sind in Dornbirn bisher noch nicht in Erscheinung getreten.


Aber klar ist auch: Wir müssen uns schon auch selbst bei der Nase nehmen und unser Konsumverhalten ändern. Wer eifrig bei Amazon kauft, dessen Krokodilstränen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen der zumeist selbständig tätigen Zusteller:innen kann ich politisch nicht so recht ernst nehmen. Wer nicht länger als zwei Tage warten möchte, bis er oder sie das gewünschte Buch oder Parfum oder was weiß ich in Händen hält, weil er oder sie verlernt hat, das Wort Bedürfnisaufschub zu buchstabieren, kann nun nur im Rahmen heftiger kognitiver Dissonanz gegen die Logistikpläne von Amazon protestieren. Das sollten wir bedenken. Amazon betrifft uns alle.

[1] Vorarlberger Nachrichten, 14.01.2022. [2] Neue Vorarlberger Tageszeitung, 29.01.2022. [3] Ebd. [4] Alec MacGillis: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon. Frankfurt: Fischer 2021, S. 109.


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